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Mit Beginn des neuen Jahrhunderts scheint sich die Auffassung immer mehr durchzusetzen, dass Krankheit, Leistungsverlust, Altern und auch die Sterblichkeit nicht mehr zwingend zur Natur des Menschen gehören. Damit erscheint es den Verfechtern des Anthropodesigns wünschenswert und auch teilweise möglich, den uns bisher bekannten Menschen abzuschaffen. Bevor es so weit ist, wird versucht, durch Enhancement die Menschen zu tunen.

Enhancement („Verbesserung“) nennt man nicht medizinisch veranlasste Eingriffe in den Körper, die dessen Eigenschaften und Fähigkeiten optimieren sollen. Dabei wird unterschieden erstens das „Genetische Enhancement“, zweitens das „Neuro-Enhancement“ (den Einsatz so genannter „smart drugs“ zur Steigerung der Aufmerksamkeit oder der Gedächtnisleistung) und drittens das fast klassische „Body-Enhancement“, die ästhetische Chirurgie. Hinzu kommt moderates, radikales und kompensatorisches Enhancement. Das moderate Körpertuning hilft bereits existente Eigenschaften in dem Maße zu steigern, wie es auch durch Erziehung oder Training möglich wäre. Die Konkurrenzsituation der Nichtverbesserten soll hierdurch nicht verschlechtert werden. Die Radikale Verbesserung versucht, Menschen in großen Schritten auf heute bekannte Spitzenwerte oder darüber hinaus zu bringen bzw. ganz neue Eigenschaften zu schaffen. Die Kompensatorische Verbesserung soll helfen, die von der Natur schlecht gestellten auf Durchschnittsniveau zu bringen.

Standen bei den klassischen Drogen und den „Designer“-Drogen noch Glückserwartungen durch Wahrnehmungs- und Gemütsveränderungen im Vordergrund, so erwarten „gesunde“ Konsumenten von den für medizinische Symptome wie Altersdemenz, Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS) und Narkolepsie entwickelten Medikamenten verbesserte Gedächtnisleistungen, raschere Auffassungsgabe und eine höhere Konzentrationsfähigkeit. Ein Leistungsvermögen also, das in beruflicher Hinsicht Vorteile verschafft bzw. heutige Anforderungen überhaupt erst bewältigen lässt.
In den USA gehören einige der Substanzen unter manchen Studenten schon zum Alltag (die Schätzungen schwanken zwischen 6 und 16 Prozent). Vor allem von Methylphenidat (Ritalin®) versprechen sie sich bei Prüfungen eine Leistungssteigerung, die etwa sieben IQ-Punkten entsprechen soll. Wissenschaftlich erwiesen sind lediglich leichte Verbesserungen des räumlichen Arbeitsgedächtnisses und des Planens bei bestimmten kognitiven Tests. Die besten Testergebnisse erzielte bisher Modafini (Provigil®), ein Medikament zur Behandlung von Narkolepsie. Z.B. konnten damit Hubschrauberpiloten unter Schlafentzug im Flugsimulator signifikant bessere Flugmanöver durchführen. Aber ob nun wirklich mit diesen Mitteln bessere Klausuren geschrieben werden und berufliche Erfolge erzielt werden können, ist letztlich ebenso wenig geklärt wie mögliche Nebenwirkungen und Langzeitfolgen.

Mindestens zwei Aspekte machen eine Diskussion über Neuro-Enhancement dringend. Zum einen ist bei steigendem Leistungs- und Qualifizierungsdruck in Studium und Beruf absehbar, dass der Gebrauch von Psychostimulanzien anwachsen wird; zum anderen kann eine verdeckte Drogenproblematik entstehen, die in breitem Ausmaß Eliten und deren Verhalten verändern könnte.

Ein weiterer Aspekt ist die Gefahr einer Verharmlosung der Eugenik-Problematik oder man könnte fast sagen Eugenik-Ideologie. Eugenik (gr.) meint „wohl geboren“ oder auch „wohl geraten“. Eugenik im Sinne einer Wohlgeratenheit war schon immer Wunsch des Menschen gewesen nach einem Besser und Immer-noch-Besser seiner Beschaffenheit und Fähigkeiten
Nur: Wohlgeratenheit lässt sich nach unterschiedlichsten Kriterien und Maßstäben festlegen, etwa körperlicher oder psychischer Funktionstüchtigkeit, geistiger Leistungsfähigkeit oder ästhetischer Wirkung. Je mehr sich ein Mensch durch „Abweichungen“ (etwa durch eine Krankheit, ein Gebrechen, eine geistige Behinderung oder eine chronifizierte Psychose) den Rändern des Normalitätsfeldes nähert, desto eindeutiger droht er über den Rand hinaus gedrängt zu werden.

Hinter einem solchen übersteuerten Effizienzdenken steht meist ein mechanistisches Menschenbild in Kombination einer Anthropolatrie, also Menschen-Verherrlichung, die alles Schöne, Vitale und Kräftige am Menschen verehrt. Die Kehrseite davon: Schwaches und Gebrechliches wird als minderwertig und als dysfunktional eliminiert.